Di 11.08.15

05.30 - 09.00 Uhr
ARD-Morgenmagazin
ADHS

ADS (Aufmerksamkeits-Defizit-Störung) oder ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) ist eine bereits im Kindesalter beginnende, psychische Störung.

Symptome sind Aufmerksamkeitsschwäche, impulsives Verhalten und manchmal auch Hyperaktivität. Die Ausprägung ist unterschiedlich: Mal steht die Aufmerksamkeitsschwäche wie beim "Hans-guckin-die-Luft" im Vordergrund, mal die Hyperaktivität wie beim "Zappelphilipp"

Schätzungen zufolge haben in Deutschland durchschnittlich rund vier Prozent der Kinder und Jugendlichen AD(H)S und hier Jungen häufiger als Mädchen. Die Zahlenangaben variieren aber, je nachdem welche Altersgruppe betrachtet wird und welche genauen Diagnosekriterien zugrunde liegen.

Die Störung gilt als eine der häufigsten des Kindes- und Jugendalters, kann aber auch bei Erwachsenen vorkommen.

Wichtig: Die Diagnose ist sollte nur von Fachärzten erfolgen, da der Übergang vom "normalen" zum auffälligen Verhalten eines Kindes fließend ist. Zudem kann sich ADHS auf unterschiedliche Art und Weise bemerkbar machen.

Symptome

Ein charakteristisches Symptom für ADS ist ein ausgeprägt unaufmerksames und impulsives Verhalten, vor allem in Gruppensituationen. Bei ADHS kommen Unruhe und starker Bewegungsdrang dazu.

Unaufmerksamkeit (1)

- Schwierigkeiten, über einen längeren

Zeitraum konzentriert zu bleiben

- leichte Ablenkbarkeit (z.B. durch

Geräusche, Bilder an den Wänden)

- Träumen ("Hans-guck-in-die-Luft")

- hastig überspringender Wahrnehmungsstil: Es wird etwas schnell wahrge-

nommen, aber auch Wichtiges überse-

hen, es mangelt an Kontrolle von

Handlungen, z.B. Überprüfung eines

Textes, Flüchtigkeitsfehler

Unaufmerksamkeit (2)

- Vergesslichkeit, Zerstreutheit: Hef-

te, Sporttaschen, Hausaufgaben werden

vergessen, (schulische) Anweisungen

überhört

- Reizoffenheit: Alles Neue wird neu-

gierig aufgenommen, bei Routineange-

legenheiten fehlt es jedoch an Durch-

haltevermögen

- Stimmungsschwankungen: geringe Frus-

trationstoleranz, schnelle Enttäu

schung bei Nicht-Gelingen, die Lust

an der Sache verliert sich schnell.

Impulsivität (1)

- "Reden, wie der Mund gewachsen ist":

Situation wird dabei nicht bedacht,

Betroffene erscheinen taktlos; es

wird zu viel geredet ("Sprechdurch-

fall"); soziale Signale werden nicht

beachtet (z.B. wenn es anderen zu

viel wird);

- "Gedacht, getan": Andere werden un-

terbrochen, es wird ins Gespräch,

Spiel oder in eine Handlung hinein-

geplatzt.

Impulsivität (2)

- Unachtsamkeit: z.B. aus dem Auto aus-

steigen, ohne zu schauen; über die

Straße rennen;

- Ungeduld: kann nicht abwarten,

drängelt sich vor;

- plötzliche, heftige Gefühlsausbrüche

- geringes Gefahrenbewusstsein: lässt

sich zu unüberlegten, auch gefährli-

chen Handlungen verleiten (z.B. Mut-

proben, auf Eis gehen, übers Wasser

springen).

Hyperaktivität (1)

(motorische Überaktivität)

Alter, Reife und Temperament sollten hier berücksichtigt werden. Für ein gesundes, lebendiges Kind ist es nichts Ungewöhnliches, dass es sich gerne bewegt, hüpft und springt - auch auf Betten und über Tische und Stühle.

Auch nicht die Häufigkeit ist hier ausschlaggebend, sondern die mangelnde Selbstkontrolle sowie die Ziellosigkeit der Aktivitäten.

Hyperaktivität (2)

- Herumhampeln, auf dem Sitz rutschen,

kippeln, den Körper verdrehen;

- Herumfingern und -fummeln an Haaren,

der Kleidung und an Gegenständen;

- "Hummeln im Hintern": aufstehen und

herumlaufen, z.B. während des Unter-

richts, im Kino, am Esstisch;

- plötzlich ausladende Bewegungen;

- Reden mit Händen und Füßen;

- Häufiges Wechseln der Tätigkeit und

des Zielobjektes.

Betroffene Kinder weisen jedoch oft auch besonders positive Eigenschaften auf: Sie sind charmant, fröhlich, witzig, schlagfertig, hilfsbereit, kreativ, fürsorglich, aufgeweckt, fantasievoll, flexibel, tierlieb, sensibel, interessiert, begeisterungsfähig.

Typisch ist, dass sich die Auffälligkeiten vor dem sechsten Lebensjahr bemerkbar machen, länger als sechs Monate andauern, erheblich deutlicher ausgeprägt sind als bei Altersgenossen.

Typischerweise führen die Auffälligkeiten zu Problemen und Konflikten in verschiedenen Lebensbereichen wie Familie, Kindergarten oder Schule. Zu ADHS kommen oft weitere Merkmale wie z.B. Tics, eine Lese- und Rechtschreibschwäche oder eine Störung im Sozialverhalten.

Die Anzeichen müssen nicht alle gleichermaßen stark ausgeprägt sein, manche fehlen sogar ganz - die Störung hat "viele Gesichter".

Manche betroffenen Kinder erscheinen weder unruhig noch lebhaft, sondern eher ein wenig verträumt, abwesend, zerstreut oder vergesslich. Bei dieser Form handelt es sich dann um ADS.

Mädchen scheinen häufiger daran zu leiden als Jungen. Experten vermuten, dass ADS leicht übersehen wird.

Diagnose und Therapiemöglichkeiten (1)

Nach der Abklärung durch einen Facharzt (Kinderpsychiater, spezialisierter Kinderarzt) oder auch durch die Frühförderstelle ist eine multimodale Therapie ideal, die aus verschiedenen Bausteinen besteht, je nach Lebensalter, individueller Symptomatik des Kindes.

Hilfreich ist die genau für das Kind passende Mischung aus Beratung, Handlungsstrategien, verhaltenstherapeutischen Methoden und auch Medikamenten.

Diagnose und Therapiemöglichkeiten (2)

Bei Medikamenten kommt überwiegend der Wirkstoff Methylphenidat, besser bekannt als "Ritali" zum Einsatz, aber auch Amphetamine werden gegeben.

Nebenwirkungen sind u.a. Wachstumsstörungen und Appetitlosigkeit. Schätzungsweise 200.000 Kinder werden in Deutschland medikamentös behandelt. Nicht alle Kinder mit ADHS benötigen Medikamente.

Diagnose und Therapiemöglichkeiten (3)

Aber eine medikamentöse Behandlung kann eine wichtige Grundlage für den Erfolg weiterer Therapiemaßnahmen sein.

Bei einer medikamentösen Behandlung sollte es nicht nur darum gehen, die ADHS-Kernsymptome über einen bestimmten Zeitraum zu unterdrücken. Es geht darum, die Lebensqualität und die emotionale Befindlichkeit des Kindes und Jugendlichen zu verbessern, und so eine normale Entwicklung zu ermöglichen.

Diagnose und Therapiemöglichkeiten (4)

Ziele einer Therapie sollten sein:

- Verbesserung der äußeren Bedingungen

(Struktur, Reizreduktion etc.);

- Einbeziehung des sozialen Umfeldes

(Eltern/Geschwister/Erzieher/Lehrer)

- Förder- und Therapiemaßnahmen mit dem

Kind (wie Psychomotorik, Verhaltens-

therapie etc.);

- ergänzende Behandlung bei begleiten-

den Störungen (z.B. Verhaltensauf-

fälligkeiten, Lernschwierigkeiten)

Diagnose und Therapiemöglichkeiten (5)

- ggf. begleitende medikamentöse Thera-

pie mittels Stimulanzien oder Alter-

nativen

Neurofeedback (1)

Neurofeedback ist eine wissenschaftlich etablierte Methode zur Verbesserung der Selbstregulation unseres Gehirns. Damit soll die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit und unser sich daraus ergebendes Verhalten positiv verändert werden.

Neurofeedback (2)

Während ein Elektroenzephalogramm unser Hirnaktivität aufzeichnet, werden diese Hirnströme technisch aufbereitet und uns wieder als grafische Darstellung (z.B. ein Flugzeug) in Echtzeit auf einem Bildschirm präsentiert.

Durch Veränderungen unserer Hirnaktivität können wir das Flugzeug in der Grafik steigen oder sinken lassen. Der Erfolg wird mit einer Rückmeldung auf dem Bildschirm honoriert.

Neurofeedback (3)

Über dieses Verfahren (operantes Konditionieren) sind Probanden in der Lage, über die Bewusstwerdung der Hirnfrequenzveränderung eine Rückmeldung (Feedback) des Konzentrationszustandes zu erreichen.

AD(H)S verliert sich nicht automatisch mit dem Älterwerden, nicht selten begleitet die Störung die Betroffenen bis ins Erwachsenenalter.

Literatur

Döpfner, Schürmann, Lehmkuhl: Wackelpeter und Trotzkopf, 4.überarbeitete Auflage 2011, Beltz Verlag,

ISBN 978-3-621-27821-8

Gerald Hüther, Helmut Bonney: Neues vom Zappelphilipp, Beltz Taschenbuch 927, 1.Auflage 2012, Beltz Verlag,

ISBN 978-3-407-22927-4

Ute Strehl (Hrg.) Neurofeedback: Theoretische Grundlagen - Praktische Vorgehen - Wissenschaftliche Evidenz Taschenbuch, 2013, ISBN-10: 3170214683